Lust, Fantasie und Identität im Internetzeitalter - Teil 2 (Carolin Keller)
Shownotes
In dieser Folge nimmt die Psychoanalytikerin Carolin Keller die Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf eine Reise durch die Adoleszenz und beleuchtet, wie das Internet das Erleben von Sexualität bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen verändert. Sie spricht über Masturbationsfantasien, die Suche nach Identität sowie die Rolle von Online-Dating, Selfsex und Pornografie. Dabei zeigt sie auf, wie digitale Räume sowohl Schutz als auch neue Risiken bieten und warum Fantasie und reale Beziehungen für die Entwicklung von zentraler Bedeutung bleiben.
Anhand klinischer Beispiele und aktueller Studien diskutiert Carolin Keller, wie junge Menschen zwischen virtueller Bestätigung, Unsicherheit und dem Wunsch nach echter Intimität navigieren. Die Folge vermittelt fundierte Einblicke in den Einfluss der digitalen Welt auf die sexuelle Entwicklung und zeigt auf, welche Bedeutung diese Veränderungen für Jugendliche, junge Erwachsene und die Gesellschaft insgesamt haben.
Edith Jacobson Institut
https://www.edith-jacobson-institut.de/
Laufer & Laufer: Zentrale Masturbationsphantasie (ZMP)
https://www.springer.com/de/book/9783662092537
Holger Seidel
https://www.uke.de/allgemein/presse/pressemitteilungen/detailseite_110176.html
GESIS-Studie zur Jugendsexualität
https://www.bzga.de/forschung/studien/sexuelle-gesundheit-und-aufklaerung/jugendsexualitaet/
Reimut Reiche
https://de.wikipedia.org/wiki/Reimut_Reiche
Donald Winnicott
https://de.wikipedia.org/wiki/Donald_Winnicott
Alexandra Lemma
Michael Günther
https://www.psychosozial-verlag.de/autor/1458
Arte-Dokumentation: Jugend, Sex & Internet
https://www.arte.tv/de/videos/104963-000-A/jugend-sex-und-internet/
Transkript anzeigen
00:00:05: Hallo und willkommen zur sechsten Folge des Podcasts, das Edith Jacobsen Instituts in Berlin.
00:00:17: Zwischen Spielen & Worten, Psychoanalyse mit Kindern und Jugendlichen.
00:00:22: Mein Name ist Caroline Keller Ich bin Psychoanalytikerin und arbeite mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.
00:00:30: In der letzten Der fünften Folge des Podcasts habe ich mich mit der Entstehung des sexuellen aus psychoanalytischer Sicht beschäftigt.
00:00:40: Jetzt im zweiten Teil geht es um das Geschehen in der Adoleszenz und um die Besonderheiten mit der Begegnung des Sexuellen, der Digital Natives.
00:00:56: Eine der Hauptaufgaben der Adoleszenz ist die Bildung der maßgeblichen Sexualorganisation die sich rund um die zentrale Masturbationsfantasie organisiert.
00:01:07: Der Begriff kurz ZMP wurde in den Achtzigern von den Laufers geprägt und ist nach wie vor hilfreich für das Verständnis der menschlichen Fantasietätigkeit.
00:01:19: Mastubationen und begleitende Fantasien- und Tagträume werden zu einer Art Probe handeln, um herauszufinden welche Vorstellungen Wünsche und Befriedigungsmöglichkeiten unter Beachtung des Überichs in die endgültige Sexualorganisation übernommen werden.
00:01:40: Wenn andringende, regressive und progressive Triebwünsche unvereinbar scheinen kann es zu Zusammenbrüchen der Adoleszenzentwicklung kommen.
00:01:51: Die Abwehr verunmöglicht wiederum die Chancen den Möglichkeitenraum Sexualität für die eigene Identitätsentwicklinge zu nutzen samt der notwendigen Reorganisation der inneren Objektwelt.
00:02:05: Hier droht ein Scheitern im Teufelskreis, der auch in der Diskussion über Cybersex als Sexualisierung zu Abwehr des sexuellen beschrieben wird – ich komme darauf zurück!
00:02:19: Triebwünsche auf erträgliche Weise umsetzen zu können korrespondiert mit der Fähigkeit die Welt liege den Nöß zu besetzen etwas zu lieben, etwas zu wollen.
00:02:31: Sexualität stellt einen Kristallisationspunkt dar für den Umgang mit der eigenen Vitalität.
00:02:40: Während es in der Kindheit eine Art friedliche Koexistenz mit dem Körper gibt, solange er nicht schmerzt, wird dieses Verhältnis durch die pubertären Veränderungen labilisiert.
00:02:53: Der Körper ist gleichzeitig Teil des Selbst- und Objektes – ich bin mein Körper dessen dranghafte Erfahrungen vermittelt und reguliert werden müssen.
00:03:07: In einer vorunsichernden, lustfeindlichen oder beschämenden Welt kann der Körper als Sicherheit- und Kontrollevermittelende Instanz fantasiert werden.
00:03:19: Durch die Gestaltung des äußeren Erscheinungsbildes durch Kleidung, Frisuren, Tätowierungen, Peersings, Diäten oder Bodybuilding kann eine subjektiv aus den Fogen geratene Welt zumindest in der Fantasie beeinflusst werden.
00:03:36: Auch in der allgegenwertigen digitalen Welt geht es um Bestätigung durch schlechte Likes oder um die Vergewisserung des gewolltwerdens und selbst beurteilen, hinhalten und entwerten können beim Online-Daten – wo es bei Adolescenten häufig nicht bis zur realen Begegnung kommt.
00:03:59: Viele Klinikerinnen, die mit jungen Erwachsenen arbeiten werden auch sexuelle und oder romantische Beziehungen kennen, die ausschließlich virtuell stattfinden.
00:04:10: Und nicht selten beendet werden wenn die eine oder der andere der Beteiligten dann doch zu einem analogen Treffen drängt.
00:04:19: In all diesen Bereichen spielen Fantasie-und Probehandeln die Hauptrolle.
00:04:25: Es geht darum Erfahrungen zu machen sich selbst und die möglichen Auswirkungen des sexuellen Körpers und der Handlungen zu erleben, um sich gleichzeitig vor all dem Unbekannten und Überlegenen draußen irgendwie zu schützen.
00:04:42: Das Bedürfnis nicht erwachsen zu werden ein Leben in ewiger Unschuld zu führen passt zur nazistischen Körperinszenierungen von markellosen oder merchenhaft unschuldigen Körpern.
00:04:56: Beispiele dafür geben Figuren von Peter Pan bis zu den Manga-Mädchen mit ihren kindlich asexuellen Körpern, die immerzu auf der Flucht zu sein scheinen.
00:05:08: Der Verweis auf anorektische Patientinnen liegt auf der Hand – aber auch bei der Selbstbezeichnung als asexuelle kann einen adolescenten Zusammenbruch gedacht werden!
00:05:22: Die Spätadolistenz drängt zur Bilanzierung der Entwicklungsaufgaben.
00:05:27: Fähigkeit zur Intimität Stabilisierung der Geschlechtsidentität, Integration des sexuellen Körpers in das Selbstkonzept.
00:05:37: Den gelebten Liebes- und Intinbeziehungen kommt ein hoher Stellenwert zu.
00:05:44: Studien in Deutschland und anderen westlichen Industrienationen zeigen dass siebzig Prozent der jungen Erwachsenen unverbindliche sexuelle Begegnungen haben oder romantische Interaktionen die sich nach kurzer Zeit wieder auflösen.
00:06:01: Vor allem bei Studierenden nimmt Gelegenheit sechs in den ersten Jahren des jungen Erwachsenen-Alters stark zu.
00:06:11: Unterschiedliche Muster sexueller Aktivitäten mit dem Ziel, sich zu verknügen ohne Bindungsabsichten sind einmalige oder häufigere unverbindliche sexuelle Begegnungen und gelegentliche oder häufige sexuelle Aktivität mit Freundinnen auch bekannt als Freundschaft Plus.
00:06:30: Ich bin immer wieder überrascht Wie rasch und anscheinend abgeklärt junge Patientinnen sagen können, was – und bis wohin sie etwas mit einem Gegenüber haben wollen.
00:06:43: Das überrascht insofern es zuvor in der mittleren Adoleszenz bereits wichtig war, intime Fähigkeiten für zukünftige Partnerschaften aufzubauen.
00:06:55: Nach Seifgekränkel haben fünfzehn- bis achtzehnjährige durchaus Interesse an langfristiger Beziehungen in denen sie emotionale und sexuelle Intimität erleben, um den Ansätzen Konflikte lösen.
00:07:10: Diese Lernprozesse werden im jungen Erwachsenenalter nicht fort- und umgesetzt.
00:07:16: Dabei sind die Muster bei Frauen und Männern etwa gleich.
00:07:21: Ursachen für die Unterbrechung sieht Seif gekränkel, in der Schwierigkeit berufliche Anforderungen und romantisches Engagement zu verbinden.
00:07:32: Junge Erwachsene müssen sich häufig entscheiden, ob sie mobil bleiben oder frühen Beziehungen Raum geben.
00:07:39: Dazu kommt dass die großen Kinder häufiger und länger von intrusiven Eltern besetzt oder als Selbstobjekte gebunden werden.
00:07:48: Oft gelingt lediglich eine Semiautonomie deren Brüchigkeit nicht zum Einlassen- und Ausprobieren eigener selbstgewählter Intimität beiträgt.
00:08:01: Trotzdem zeigen die bereits oben erwähnten Studien der Bundeszentrale für Gesundheit und der von Seif gekränke, dass sich nach einigen Jahren bei einem Großteil der Generation Z das unverbindliche Explorationsverhalten erneut ändert – zu zunehmender Stabilität, Kohärenz und Verbindlichkeit.
00:08:31: und findet nach einem längeren Lernprozess längerfristige Partnerinnen.
00:08:37: Einundzwanzig Prozent binden sich früh, und entwickeln sich gemeinsam.
00:08:43: In einem Podcast der Zeit zur Sexualität sucht ein heterosexuelles Paar beide vierundzwansich- und seit sieben Jahren zusammen eine Sexualtherapeutin auf.
00:08:54: Gut nachvollziehbar ist das Dilemma zwischen dem verständlichen Wunsch, auch außerhalb sexuelle Erfahrungen zu machen und der Angst sich dabei gegenseitig zu verlieren.
00:09:06: Typisch für die Altersgruppe ist nicht der sexuelle Wunsche – die lustvolle Fantasie – und dem gegenüber die Angst das bisher gefundene und geschaffene Preis zu geben sondern die Lösungsstrategie.
00:09:19: Die beiden suchen in aller Podcast-Öffentlichkeit Unterstützung um ihre Neugier auf die Genüsse die das Fremde bereithält und ihre Verlustangst verhandeln zu können, um eine akzeptable Lösung zu finden.
00:09:35: Ich komme jetzt zur Frage ob und wie das Großwerden mit dem Internet einen Einfluss auf die Spielarten der Sexualität junger Erwachsener hat.
00:09:45: Vorweg scheint mir eine kurze Bemerkung zur Verbindung von Sexualität und Nazismus wichtig.
00:09:52: Je mehr ich mich in Podcasts, Dokos, Serien und Aufsätze über Cyber-Sex im weitesten Sinne eingehört geschaut und gelesen habe, desto unübersichtlicher wurde die Unterscheidung zwischen triebhaft Lustsuchenden einschließlich exibitionistischen und wojuristischen Motiven unter Selbstinszenierung dem Pausen im Netz.
00:10:15: Letztere brachte den Sexualwissenschaftler folgmasikisch dazu von Irrotisierung im Dienste der Abwehr des Sexuellen zu sprechen.
00:10:26: Zur Love Parade als Beispiel, im Sinne einer sexuellen Befreiungsbewegung befragt, antwortete er das alles gezeigt werde um danach allein nach Hause zu gehen.
00:10:38: Zitat Wenn die Menschen auf der Love Parate sich derart öffentlich inszenieren und darstellen hat es in erster Linie einen selbst bezüglichen Charakter.
00:10:49: Er soll die Person selbst befriedigen.
00:10:52: Nicht Liebe oder Gassex zwischen zwei Menschen steht im Vordergrund, sondern
00:10:56: Selbstliebeln.".
00:10:58: Ich spreche davon Selfsex.
00:11:02: Das Sexuelle reduziert sich hier auf Sehen und Gesehenwerden – dies betrifft auch die permanente erotisierte Bilderflut im Internet und nicht in geringem Maße aus kommerziellen Motiven.
00:11:15: Wieder Zitat?
00:11:17: Einerseits wird der Sexualtrieb angefacht Andererseits wird er durch die Art, wie er angefacht wird, gedrosselt – ja, zerstört.
00:11:27: Weil wir ständig mit erotisch gemeinten Reizen konfrontiert werden, die in Wahrheit anti-erotisch sind.
00:11:33: Denken Sie nur an die Werbung!
00:11:38: Holger Seilgel, der als langjähriger Leiter einer Klinik für junge Erwachsene zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Jahren viel Erfahrung mit den Digital Natives gesammelt hat, beklagt das mangelnde Interesse seiner Patientinnen an ihrer Innenwelt und den Ursachen ihrer oft unscharfen Symptomatik.
00:12:00: Die Spätadolizenten seien zunehmend ungeduldig, und verlandeten einseitig nach raschen Lösungen im Sinne der binären Ja-Nein-Logik.
00:12:12: Symptome sollen beseitigt werden – ihre mögliche Bedeutung soll wenn überhaupt die Therapeuten oder die KI erkunden!
00:12:21: Die virtuelle Welt erlaubt das fragwürdige Gefühl mit anderen in Kontakt zu sein, sich auszuprobieren und zu entscheiden auf Anforderungen zu treffen, Entdeckungen zu machen und den Eltern überlegen zu sein.
00:12:37: Und übt so eine faszinierende Wirkung auf junge Menschen aus – ein Häufelskreis entsteht!
00:12:43: Wenn die Illusion des Erfolgs in der oft schematisierten und stark polarisierenden Online-Welt Mit dem Erleben in der realen Welt nicht übereinstimmt und Letztere bedrohlich erscheinen lässt.
00:12:59: Virtuelle Kontakte werden nicht mit der Wirklichkeit konfrontiert, zu groß ist die Angst vor Beschämungserfahrungen und Scheitern.
00:13:09: Demgegenüber stehen über die Grenzengehende forcierte Erfahrungen sexueller Begegnungen – die missbräuchlich erlebt werden können und es auch sind!
00:13:21: In der Grenzenlosigkeit der virtuellen Welt entsteht leicht ein Erleben von Zeitlosigkeit und anderen Beliebigkeiten.
00:13:29: Zweifel, Ungewissheit, Hoffnung und Ambivalenz können kaum ausgehalten werden was sowohl zum Rückzug als auch zum Konsum von Dates führen kann.
00:13:43: Ein dreiundzwanzigjähriger Patient von mir musste immer dann wenn er eine Frau die er über ein Portal kennengelernt hatte Besonders anziehend fand, sofort auf die Suche nach anderen Matches und Dating-Möglichkeiten gehen.
00:13:59: Um der Gefahr zuvorzukommen als Erster abgelehnt zu werden.
00:14:05: Nach etlichen Wiederholungen fühlte er sich zunehmend desorientiert und leer – was er wiederum mit sexuellen Einmalkontakten in den Griff zu bekommen versuchte.
00:14:17: Eigentlich suchte er eine Gefährtin, die ihm helfen könnte mit den Anforderungen seiner Welt zurechtzukommen.
00:14:26: Schwuf sich aber im Versuch, sich weniger verletzbar zu machen – immer neue und durch seine Vorgehensweise zum Scheitern verurteilte Begegnungen.
00:14:36: Dela Ram Habibi Kohlen beschreibt die Behandlung einer anfangs überangepassten Patientin Mitte zwanzig.
00:14:45: Die über verschiedene Online-Dating-Portale einen Partner suchte, wobei sie zusehends in einem vom Algorithmus unterstützten süchtig machenden Zyplus aus illusionäre Hoffnung, Enttäuschung und Rachergerät.
00:15:03: Interessanterweise gab es einen Parallelprozess in der Behandlung, während er die Patientin zunehmend vorrufsvoll gegenüber der Therapeuten wurde, die ihr nicht helfen konnte.
00:15:17: Erst als sie Therapeutin offensichtlich nicht weiter wusste, konnte die Patientine zeigen wie sehr sie sich nach Haut sehnte einer frühen, haltenden und siebejahnten Beziehung.
00:15:29: Und wie sehr Sie gleichzeitig fürchtete nie genug bekommen zu können – und damit alles zu zerstören!
00:15:38: Mein Eindruck ist, dass die Welt des Online-Datens sehr unterschiedlich genutzt werden kann….
00:15:45: …und vor allem für Patientinnen mit einer Selbstwertproblematik häufig in die oben beschriebenen destruktiven Zyklen
00:15:53: führt.".
00:15:55: Auch scheinen die sehr jungen Erwachsenen sich in den Portalen eher auszuprobieren.
00:16:01: Oft kommt es nicht zum Analogentreffen!
00:16:05: Ich begleitete aber auch zwei junge Patientinnen, die sich an den ersten Dating-Partner gebunden haben und erst aus dieser sicheren Beziehung heraus die Welt und ihre Möglichkeiten darin erkunden konnten.
00:16:20: Schon die grundsätzliche Frage zu beantworten – ob das Internet die sexuelle Entwicklung beeinflusst?
00:16:27: stellt eine Überforderung dar.
00:16:29: Sicherlich tut es das, aber inwiefern und wie das im Detail nachgewiesen werden soll hat mich lange beschäftigt.
00:16:40: Dem bisher ausgeführten Folgend ist die sexuelle Identität aus psychodynamischer und entwicklungspsychologischer Sicht ein komplexer Vorgang der durch soziale Medien mitgeprägt – aber keinesfalls geschaffen sein
00:16:55: kann.".
00:16:57: Dies wird durch Aussagen unterstützt, wonach sexuelle Fantasien nicht den Bildern im Netz nachgebildet sind sondern anders herum.
00:17:07: Adoleszente das Netz die weite Welt der erotischen Bilder einschlüssigt der Pornografie daraufhin durchsuchen ob sie die zu ihren Reiz auslösern passenden Bilder finden.
00:17:22: Möglicherweise landen wir auf den Spuren Vinikots in einem Übergangsraum.
00:17:28: Nicht das Internet legt den Kindern die Sexualität in die Vorstellungswelt, sondern die Kinder erschaffen sich die Objekte des Begehrens und suchen sich deren Erscheinungsform aus dem was ihnen das Internet vorschlägt.
00:17:45: Aber genau wie bei Winnicott trifft es diejenigen am härtesten, deren frühe Beziehungserfahrungen inklusive der erotischen Komponenten nicht reichhaltig Nicht gut genug waren.
00:17:59: Kinder, deren rudimentäre unbewusste Fantasien vor allem beängstigend frustrierend oder arm sind.
00:18:10: Wichtig scheint mir das Internet und seine Möglichkeiten der Zeit- und Raumverschiebung nicht zu dämonisieren – oder um es mit Reimut Reiche zu sagen Die Welt verwischt nichts.
00:18:22: Immer sind wir es die etwas verwischen.
00:18:26: Meine beiden grundlegenden Thesen zur Auswirkung des Internets und der Stets für jeden nahezu überall mit wenigen Klicks erreichbaren Bilder-und Foren lauten?
00:18:39: Die Bildervlut, die übersättigend den Angebot der Pornoindustrie – jede achte Internetseite, die in Deutschland aufgerufen wird ist eine Pornoseite – inklusive der zunehmend angenommenen Möglichkeit sogenannte Handypornos eigene Filme hochzuladen und sich damit selbst zur Schau zu stellen, verregert das Reich der Erotik.
00:19:02: Die Wunschbefriedigung findet statt bevor das Begehrenn sich durch Suche, Warten, Frustrationen und Bewältigung bilden und verfeinern konnte.
00:19:11: – die Vorfreude, die Konstitution des Begehrends durch die rätselhaften Botschaften Einladungen anderer wird je und direkt, letztlich unbefriedigend befriedigt.
00:19:33: Aus entwicklungspsychologischer Sicht fungieren die allzu detaillierten Bilder wie Fantasieblocker.
00:19:40: Wenn wir die individuelle Herausbildung einer sexuellen Identität als Kerngeschehen in der Adoleszenz ernst nehmen hat das nicht nur für das manifeste sexuelle Verhalten einschränkende Folgen sondern für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung darum herum.
00:20:00: Es gibt Hinweise darauf, dass Menschen, die sich selbst als pornosüchtig bezeichnen immer stärkere Reize brauchen und Schwierigkeiten haben, reale sexuelle Kontakte genießen zu können.
00:20:12: – aber auch die große Überzahl der Nichtsüchtigen wird vollgepumpt mit Bildern!
00:20:20: Und vor allem Kinder-und Jugendliche, die unfreiwillig oder anderen sexualisierten Bildern in Kontakt kommen durch Sexting, dem Weitersenden sexueller Inhalte klagen über Ekel- und Angstreaktionen.
00:20:38: Darüber hinaus – das kann ich hier nur kurz anschneiden – verschwimmen im Netz an und Abwesenheit des Objekts.
00:20:48: Der Partner der Vierundzwanzig Sieben übers Handy dabei sein muss.
00:20:52: die eigene Erreichbarkeit, die wichtiger wird als alles real präsente, die Unbekannten, die attraktiver sein könnten – als das aktuelle Match auf der Dating-Plattform.
00:21:05: Die Helden, die Influencer, die Gamer, denen man unbegrenzt folgen kann.
00:21:11: Sie alle verhindern die Ablösung und die Fähigkeit allein zu sein.
00:21:17: Alexandra Lemma beschreibt die Rolle der frühen spiegelnden Bezugsperson um ein koherentes, umgrenztes im Körper gründen das Ich zu bilden.
00:21:29: Die einzige Ausnahme bei dieser Ganzkörperspiegelung betrifft die Spiegelung der Sexualität.
00:21:37: Durch dieses angemessene Auslassen einer wichtigen, sinnlich effektiven Erfahrung entsteht aber eine Spaltung zwischen dem sexuellen und dem nicht-sexuellen Körper, der dann in der Pubertät mit Macht auf Integration drängt.
00:21:55: Deswegen brauchen Heranwachsende einen Spiegel, der ihnen einen zweiten Blick auf den Körper zu werfen ermöglicht.
00:22:04: Im XXI.
00:22:05: Jahrhundert ist das Lämmer zufolge der schwarze Spiegl der Endgeräte.
00:22:11: Das Internet übernimmt die Funktion von Pornoheften und gemeinsamer Masturbationen – reflektiert aber nicht den Hineinschauenden sondern projiziert intrusiv in die Betrachterin hinein.
00:22:26: Puscht Wünsche?
00:22:27: Bilder und Empfindungen, und lädt im übertragenen Sinn permanent ins Schlafzimmer der Eltern ein.
00:22:36: Lemma illustriert den fehlenden lebendigen Spiegel im Fall einer sechzehnjährigen Patientin, deren Mutter sie zu Therapie anmeldet nachdem der Stiefvater Hardcore-Pornografie auf ihrem Computer gefunden hat – und die zuvor sehr gute Schülerinnen kein Interesse mehr am Lernen
00:22:56: zeigt.".
00:22:58: Die Patientin, deren psychisch kranker Vater sich suicidiert hatte als sie sieben Jahre alt war.
00:23:06: Inszenierte mit ihrer Therapeuten durch massives Zuspätkommen und Entwertung der Sitzungen eine ähnliche Szene wie die ihre sie sexuell erregenden zentralen Mastopationsfantasie in der ein Sklave auf Sie warten musste.
00:23:26: Als es Lämmer gelang trotz der schwierigen Bedingungen Ihr Angebot, die Patientinnen und ihr Handeln zu verstehen aufrechtzuerhalten, sprach die Jugendliche mehr und mehr von ihren Ängsten und massiven Konflikten.
00:23:42: Lemma konnte der Patientin immer wieder zeigen dass sie sowohl ihre Abgrenzungsbedürfnisse wahrnahm als auch die Hoffnung in der Therapie Hilfe durch Klärung und Grenzsetzung zu finden.
00:23:56: Es wurde deutlich dass auch die Fantasie andere, hier die Therapeutin von sich abhängig zu machen eine Abwehr gegen tiefe Verunsicherung und Identitätsdiffusion darstellte.
00:24:10: Sie hatte die pornografische Bilderflut und diese begleitende Mastopation benutzt um den unverarbeiteten Verlust erst des Vaters dann der danach entstandenen engen Bindung zur Mutter, die sich wieder verheiratet hatte
00:24:25: fernzuhalten.".
00:24:27: und war mehr und mehr in eine Sucht nach immer stärkeren Bildern geraten.
00:24:33: Schließlich machten ihr, die sich fremd an fühlenden Bilderangst und lösten Scham aus – diese hinterbetont selbstbewusstem Auftreten verbarg.
00:24:44: Ein Teufelskreis der bei der sich isolierenden Jugendlichen zu Angst führte, verrückt zu werden wie der Vater und sich umbringen zu müssen.
00:24:54: Die anschauliche und gut nachvollziehbare Fallbeschreibung bei der es sich um eine strukturell vulnerable junge Frau handelte, führte mich zur zweiten These.
00:25:06: Nach den aktuellen Zahlen der GESID-Studie des Universitätsklinikums Ebbendorf und der Repräsentativstudie Jugensexualität Neunte Welle schauen vor allem männliche Jugendliche mehr Pornos als davor.
00:25:22: Die Art der sexuellen Kontakte scheint aber bei einem Großteil der Befragten nicht betroffen zu sein.
00:25:30: Die Altersangaben, sowohl für sexuelle Erfahrungen mit anderen als auch mit sich selbst nähern sich bei den befragten Jungen und Mädchen an.
00:25:40: Dies entspricht den Ergebnissen der bereits vorgestellten Studie von Seif Gekrenkel nach der junge Erwachsene in den Industrienationen nach einer Phase des sexuellen Ausprobierens wieder versterbtes Interesse daran zeigen, Sexualität in partnerschaftliche und romantische Beziehungen
00:25:59: einzubauen.".
00:26:00: Man könnte auch sagen, sich dem Durchschlag des Tunnels der Begegnung der zärtlichen und sinnlichen Strömungen erneut zuzuwenden.
00:26:12: Viele der Fallgeschichten denen ich bei der Recherche begegnet bin legen nahe dass die Weichen für das Süchtige sich selbst und andere zerstörende Verhalten nicht im Internet sondern in den frühen Erfahrungen der Betroffenen liegen.
00:26:30: Nach Janine Chasgüsmil-Gell sind Tagträume ein notwendiges Programm zum Großwerden.
00:26:38: Notwendig vor allem für die frühe Adoleszenz, in der Jugendliche es rein körperlich und aufgrund ihrer geringeren Erfahrungen noch nicht mit den Anforderungen der Welt der Erwachsenen aufnehmen können.
00:26:53: Sicher verstärkt die Möglichkeit sich sondern auch in freihausgelieferte Tagtraumwelten zu verlieren, das abdriften – in künstliche Welten.
00:27:05: Aber um eine Adoleszente so verloren gehen zu lassen braucht es auch Bezugspersonen die einen ungestürten Platz WLAN und anforderungslose Versorgung zur Verfügung stellen.
00:27:20: Auch die Quintessenz der Arthedokumentation Jugend, Sex & Internet.
00:27:26: Wenn Teenager Pornos gucken, ist das die Erwachsenen, die Teenagern nicht allein lassen sollen damit.
00:27:33: Oftmals fehle es nicht den Kindern an Medienkompetenz sondern den Bezugspersonen.
00:27:41: Interessanterweise bietet die Dokumentation zwei ganz unterschiedliche Beispiele für Begleitung an.
00:27:48: In einer Szene sieht man eine Mutter, die erklärt ihren minderherrlichen Sohn vor überfordernden Webseiten schützen zu wollen und dafür verlaufende Kamera, den Computer des Sohnes kontrolliert bzw.
00:28:04: ein Schutzprogramm installiert und überprüft.
00:28:08: Die Art und Weise mit der sie alles erklärt und den Sohn als Beispiel nutzt weckt Charme in der Betrachterin.
00:28:17: Wie muss es dem Jungen dabei gehen?
00:28:20: In einem anderen Beispiel arbeitet einen Sexualpädagoge im Rahmen des Sexualkundeunterrichts mit sechzehnjährigen Schülerinnen zu Pornografie im Netz.
00:28:32: Man sieht, dass ihr ein Thema anbetet das die Jugendlichen interessiert, zudem sie etwas und zwar Zueinander zu sagen haben und auf das sie differenziert eingehen können weil es hier etwas angeht.
00:28:47: Hier wird deutlich was psychodynamisches Denken zum ganzen weiten Bereich zu sagen nicht müde werden sollte.
00:28:55: Es geht in der Adoleszenz, egal wie weit sie ins Erwachsenenalter hinein ragt darum sich von den incestuösen Objekten den erotischen Bindungen der Kindheit los zu machen und andere fremde Objekte zu finden.
00:29:12: Nach Michael Günther strukturieren die Bilderwelten des Internets die anarchisch-infantile Sexualität – und fassen Sie in Vorstellungen, Pictogrammen.
00:29:27: Sie machen Sexualität damit konkret fantasierbar und denkbar, und öffnen Wege des psychischen Umgangs.
00:29:35: So gesehen kann das Internet beides – es macht die libidinös besetzten Kinder, die sozial eingebundenen sexuell kompetenter und die allein gelassenen nicht erkannten einsamer bedürftiger und in manchen Fällen gefährlicher.
00:29:54: Symbolisierungsfähigkeit, die zu einem Innenraum und damit zur Fähigkeit allein zu sein führt, wird in der digitalen Welt weder geschaffen noch verhindert.
00:30:05: Nur wer getrennt sein zulassen aushalten, vorübergehend auflösen und in die Grenzen des Ichs zurückkehren kann verfügt über eine einigermaßen coherente sexuelle Identität – und damit über die Möglichkeit Sexualität mehr zu genießen als ihr erfolglos nachzujagen sie zu fürchten oder mit ihr zu agieren.
00:30:32: Wir dürfen nicht vergessen, dass die menschliche Sexualität konflikthaft angelegt ist und es immer bleiben wird.
00:30:41: Damit bin ich am Ende der Reise durch die Eindrüge der sexuellen Entwicklung, der mir dem Internet groß gewordenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen angelangt.
00:30:51: Ich bedanke mich fürs Zuhören und hoffe Sie auch für weitere Folgen dieses Podcasts interessiert haben zu können!
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